März 7, 2019

Rückblick: VW Bora 1.6

Rückblick: VW Bora 1.6

Von Februar 2017 bis Oktober 2018 bin ich einen 1999er VW Bora 1.6 SR in canyonrot gefahren. Ein super schönes Auto! Ich möchte mal die Gelegenheit nutzen, über das zu schreiben, was mir gefallen hat, was mir nicht so gefallen hat und warum ich den Wagen nach der kurzen Zeit schon wieder losgeworden bin.

Anfang 2017 hatte ich gerade den Vertrag für mein duales Studium unterschrieben und so war klar, dass ich ein Auto brauchte, mit dem ich regelmäßig auch längere Strecken fahren kann. Mein alter Polo war nämlich mangels Komforts und Leistung nicht wirklich für lange Autobahnfahrten gebaut.
Ich bin dann damals bei einem befreundeten Werkstattmeister auf folgendes Angebot gestoßen:

  • Modell: VW Bora 1.6 SR Comfortline
  • Farbe: canyonrot metallic (Die Farbe hat's mir echt angetan :-D)
  • Baujahr: 1999
  • KM-Stand: knapp über 100.000
  • Leistung: 101 PS
  • Getriebe: 4-Gang-Automatik
  • Ausstattung:
    • elektrische Fensterheber (vorne + hinten)
    • elektrische Seitenspiegel
    • Manuelle Klimaanlage
    • Zentralverriegelung
    • Regensensor/automatisch abblendender Innenspiegel

Der Wagen kam aus 2. Hand (lt. Papieren aus 3. Hand, aber der 2. Besitzer ist nur für wenige Tage eingetragen gewesen) von einem Rentner und war behindertengerecht umgebaut ("Gaspedal" per Hand). Der Wagen lief vernünftig und fuhr auch gut. Bei der Probefahrt fiel mir nur auf, dass die Temperaturanzeige sich nicht rührte, Diagnose: Thermostat + Temperaturgeber, typische Golf/Bora-Krankheit aus dem Baujahr.
Inklusive neuem Thermostat und zurückgebaut auf "Fußgas" habe ich den Wagen dann für ca. 1.500€ gekauft und war sehr zufrieden.

Optik

Auch wenn viele jüngere Leute den Bora wegen seiner Optik als Rentnerfahrzeug abtun, war ich sehr angetan von der Optik. Man kann die Ähnlichkeit zum Golf 4 nicht verleugnen, allerdings gefällt mir die Form als Limousine deutlich besser. Auch die veränderten Details, wie z.B. die Front, heben den Bora von seinem Bruder ab.
Besonders war bei meinem Modell die Farbe: Canyonrot Metallic. Die habe ich zwar schon bei einigen Golfs gesehen, aber erst bei einem anderen Bora.

Leider hatte mein Wagen die meiste Zeit nur Stahlfelgen drauf, da ich passende Alus erst zuletzt gefunden habe.

Innenraum/Komfort

Die meiste Zeit verbringt man aber im Innenraum und der hat mir ziemlich gut gefallen. Ziemlich aufgeräumt, wenige und gut positionierte Knöpfe und 'ne Menge Platz. Es war immer problemlos möglich, mit bis zu vier Personen auch längere Fahrten zu unternehmen und wenn man abenteuerlich unterwegs ist, kann man die Rückbank umklappen und sogar drin schlafen.
Richtig gut haben mir die Sitze gefallen. Im Gegensatz zu meinem Polo ein wahrer Segen, denn ich konnte diese endlich ausreichend weit zurückstellen um sehr bequem zu fahren. Bei längeren Touren hatte ich nach ca. 4 Stunden das Bedürfnis eine Pause zu machen, was vollkommen ausreichend ist. Ich pausiere eh meistens schon früher.

Was bei Fahrten auch immer zum Komfort beigetragen hat, war das Automatikgetriebe. War zwar anfangs teilweise ziemlich ruppig, aber im Rahmen einer Inspektion habe ich das Öl mal wechseln lassen und seitdem lief das (Achtung, Füße hoch) wie geschmiert. Gerade wenn man jeden Tag in die Großstadt zur Arbeit fährt und naturgemäß öfter mal im Stop & Go steht ist es eine riesen Erleichterung und trägt dank des spürbaren Leistungsverlustes zu einer entspannten Fahrweise bei. Aber Achtung! Lt. anderen Berichten macht die Automatik öfter mal Probleme, ich hatte allerdings keine.

Was mich aber wirklich gestört hat sind die Soft-Touch-Oberflächen. Da der Wagen schon 18 Jahre alt war, als ich ihn gekauft habe, waren diese schon komplett abgeblättert und sahen alles andere als gut aus. Am schlimmsten war das bei meinem Wagen an der Lenksäulenverkleidung, die Gott sei Dank nicht direkt im Fahrersichtfeld liegt.
Weiterhin war der Bereich um den Automatik-Wählheben schon ziemlich abgetragen. Wer da empfindlich ist, kann diese Teile aber auch ausbauen, abschleifen und in "normalem" schwarz überlackieren. Die fassen sich dann zwar nicht mehr so weich an, aber besser aussehen tut es allemal.

Richtig gut war die JBL-Anlage, die ich kurz nach dem Kauf nachgerüstet hatte. Das war auch relativ einfach und hat sehr viel Laune gemacht beim Fahren. Irgendwann habe ich mir noch einen Subwoofer für die Reserveradmulde angeschafft und hatte dann für insgesamt recht kleines Geld eine ganz vernünftige Anlage.

Motor

So, jetzt hören die Lobeshymnen auf, denn wir kommen zum Motor. Wie bereits eingangs erwähnt war ich mit dem 1.6 SR-Motor unterwegs (das SR steht übrigens für Schaltsaugrohr). Ich hatte mich vor dem Kauf über das Aggregat informiert und wusste daher, dass es nicht ganz unproblematisch ist. Nach dem Kauf hatte ich erstmal keine Probleme und war auch recht zufrieden. Klar, mit 101 PS fährt man keine Rennen, aber für den Alltag reicht es allemal. Beim Überholen reicht die Leistung prinzipiell, allerdings braucht die Automatik teilweise doch sehr lange um zu begreifen, dass man runterschalten möchte.

Der Verbrauch ist in meinen Augen gerade noch so an der Schmerzgrenze gewesen. Bei normaler Fahrweise lag der bei etwa 10 Liter/100 km bei einem ziemlich gemischten Fahrprofil. Allerdings wird die Automatik Ihren Anteil da auch draufgeschlagen haben. Mit einer Tankfüllung bin ich also knapp über 500km gekommen.

Nach ca. einem Jahr - der zweite Ölwechsel in meinem Besitz stand an - ist mir dann ein minimaler Ölverbrauch aufgefallen, der allerdings zunächst noch im Rahmen war (0,2 Liter/1000km). Der Motor zeigte sonst keine Auffälligkeiten und da das Modell auch schon ein bisschen älter war, nahm ich die Situation einfach so hin und habe seitdem alle 1-2 Tankfüllungen mal nachgeschaut. Das ging ein paar Monate gut, bis ich dann irgendwann auf dem Weg von der Arbeit nach Hause im Rückspiegel eine riesige blaue Wolke und einige Augenblicke später meine Öldruckkontrollleuchte blinken sah. Sofort rechts ran gefahren, ADAC angerufen und abschleppen lassen. Diagnose aus der Werkstatt: Kolbenringe defekt und vermutlich auch Folgeschäden durch den Öldruckverlust.
Eine Reparatur hätte sich vielleicht noch gelohnt, aber da neben den Kolbenringen noch andere Dinge demnächst anstanden und auch noch Folgeschäden im Raum standen, entschied ich mich dazu, den Wagen abzugeben und mich nach was neuem umzuschauen.

Sonstige Probleme/Macken

Der Motorschaden war nicht das einzige Problem, das ich bei diesem Auto hatte. Es gab einige Kleinigkeiten, u.A.:

  • Radlager vorne rechts defekt
  • elektrischer Fensterheber Fahrerseite defekt (Das Problem kauft man quasi bei allen alten VW mit)
  • Gaszug gerissen

Dann noch Verschleißteile:

  • Einen kompletten Satz Bremsbeläge & -scheiben
  • Zwei Sommerreifen
  • Vier Zündkerzen
  • Ein Zündkabel
  • Automatikgetriebeöl (Lt. Bedienungsanleitung übrigens für das ganze Motorenleben geeignet. Wechsel erhöht den Komfort aber deutlich)

Nach dem Motorschaden hätten noch einige andere Sachen angestanden, die ich mir aber dann sparen konnte:

  • Zahnriemen + Spannrolle
  • Wasserpumpe
  • Vermutlich Querlenker

Preis/Leistung

Das P/L-Verhältnis war okay. Ich war in 1,5 Jahren 3 mal zur Werkstatt, was in meinen Augen einmal zu viel ist. Der Spritverbrauch ist zwar verglichen mit neuen Autos fast schon gigantisch, aber für das Alter vollkommen okay. Dafür ist der Kaufpreis recht niedrig und die Ersatzteile günstig.
Ich habe über die gesamte Zeit, in der ich das Auto besaß, ungefähr nochmal 2/3 des Kaufpreis in der Werkstatt gelassen. Einige Sachen habe ich selber behoben, sonst wäre ich preistechnisch wohl beim zweiten Bora angekommen.
Die Versicherungseinstufung ist hingegen ziemlich günstig. Da kann man, gerade als Fahranfänger, ziemlich viel Geld gegenüber einem Golf IV einsparen.

Fazit

Trotz den genannten Problemen war ich zufrieden mit dem Auto. Ich habe mir damit den Wunsch von einer Limousine erfüllt und bin immer mehr oder weniger zuverlässig ans Ziel gekommen. Den Bora an sich kann ich empfehlen, wer verlässliche Golf-Technik sucht aber eher auf Limousinen steht, ist bei dem Modell bestens aufgehoben. Allerdings würde ich von dem 1.6 SR-Motor aus genannten Gründen abraten. Falls ihr von keinem Dieselfahrverbot betroffen seid, sollen die Dieselmotoren wohl sehr empfehlenswert sein (insbesondere der 1.9 TDI PD) und kaum Krankheiten haben.

Ich hätte den Wagen gerne bis zum Ende meines Studiums weitergefahren, allerdings wäre das absolut unwirtschaftlich gewesen und das Vertrauen in das Auto war auch nicht mehr wirklich vorhanden.